I´ll take you on a trip

Kumbh Mela – Haridwar

12. April

Ganz so einfach wie gedacht war es dann doch nicht mit der Fahrt nach Haridwar. Chaos am Busbahnhof und keine Chance auf einen fahrbaren Untersatz, wenn man ihn nicht gleich auf indische Art durch die Fenster entert. Also teures Taxi gechartert. Nach 5 Std. heissen Dauerfoehn im Gesicht, wirft uns der Fahrer am Rande des Festivalgelaendes raus. Ich hatte eine ungefaehre Ahnung, wo wir hin mussten und es sah nach 1-2 km aus. Fehleinschaetzung !!! Der Seesack war die falsche Wahl und drueckt quaelend auf den Draht in meinem Schluesselbein. Voellig ferig haben wir Traeger gemietet. Einer von beiden brach nach 300 m unter dem Gewicht meines Sacks zusammen und zeigte mir dann seine offenen, eitrigen Wunden an Ruecken und Huefte. Wir haben die arme Sau dann entlassen und bezahlt. Der andere haute vorsorglich gleich auch ab.

Das Marschieren durch die unglaublichen Menschenmassen wollte einfach nicht enden. Nach 2.5 Std. und geschaetzten 7-8 km bei 42 Grad, hatten wir endlich die Unterkunft erreicht. Wir Haben uns dann bis zum Abend darauf bechraenkt, den Pilgerstrom vor unserer Tuer an der Main Road zu bestaunen.

Menschenstrom auf der Main Road

13. – 16.  April

Abkürzung ins Nirvana

Wenn dir ein Saddhu in die Augen sieht, erblickst du die Weisheit dieser heiligen Männer. Ein bischen Angst vor Hypnose beschleicht da schon fast den fremdelnden Mitteleuropäer bei der Begegnung mit den asketischen Mönchen und einer für uns so fremden Kultur und Glauben.

Allgegenwärtig ist das Gefühl, sich in einem gigantischen Aschram zu befinden und mit der Masse der Abermillionen Pilger verschmolzen zu sein. Auch wenn man noch so sehr vor hatte, als westlicher Beobachter nur eine neutrale Beschreibung des Festes abzuliefern, so gelingt dies nicht und ich erliege der Faszination dieser Zusammenkunft ganz und gar. Kein Quadratmeter der Stadt wird für ein Lager ausgelassen. Ich steige in den Straßen unentwegt über Menschen, wie da liegen, wie die Gefallenen auf einem mittelalterlichen Schlachtfeld. Für viele der Pilger ist eine feste Unterkunft finanziell außer Reichweite. Die geschäftstüchtigen Betreiber von Gasthäusern und Hotels, haben die Preise spontan verdreifacht. Entlang der Hauptverkehrsstraßen breiteten fliegende Händler ihre Waren aus. Viele bieten Messing Töpfe und Schalen aller Formen und Farben feil oder haben Perlen für die Meditation, exotische Düfte, wie Weihrauch Kastori (Moschus) und Chandan (Sandelholz) im Angebot.

91 jaehriger Sadhu mit Kermit   (Froschn ???)

Die Legende. Die Abhaltung der Kumbh Mela stützt sich auf eine Legende aus der Frühzeit des Hinduismus vor ca. 3500 Jahren. Diese besagt, das im Himmel ein Kampf entbrannte, bei dem ein Dämon den Göttern die Schale mit dem Nektar der Unsterblichkeit, „Amrita“, entriss. Die Schlacht um den Kumbh (Schale) währte 12 Tage und 12 Nächte, equivalent zu 12 Menschenjahren. Vier Tropfen des Nektars entronnen während des Kampfes, fielen auf die Erde und markieren die Orte, an denen  die Kumbh Mela seither in Nordindien zelebriert wird. Als Folge dessen, findet das Fest innerhalb von 12 Jahren an vier Orten statt. Allahabad, Ujjain, Nashik und Haridwar.

Saritrocknung nach dem ‚Holy Dip‘ im Ganges

Rajasthanie Frauen ruhen auf den Strassen Haridwar`s

Pretty Indian Woman

Die Termine der Kumbh Mela sind astrologisch durch die Positionen der Sonne, des Mondes und Jupiters bestimmt.In Haridwar, findet die Kumbh Mela in den Monaten Januar, Februar, März, April statt, wenn die Sonne im Widder aufgeht, der Mond in Schütze und Jupiter im Wassermann Steht.

Zu dieser Zeit verwandelt Elixier das vom Himmel auf die Erde fällt, das Wasser des Flusses, in heiligen Nektar, sagen die Schriften. In den Wassern des Ganges bei Haridwar, wo der Strom vom Himalaya in die indische Tiefebene eintritt, ist jetzt der Ort an dem ein „Holy Dip“ höchste Verdienste sichert, gutes Kharma beschert, erlöst vom ewigen Kreislauf der Wiedergeburt und direkten Eintritt ins Nirvana verschafft, so die Hoffnung Gläubiger Hindus.

2010 ist der 14.April der Tag, der Tage und höchster Feiertag im Verlauf des Festes. Im Morgengrauen ist die Gangesschwemmebene zur Linken des Stroms, mit den Lagern und Zeltstädten der vielen Millionen Pilger, noch in mystischen Nebel getaucht. Heute ist das Shahi Snan, das koenigliche Bad. Eine Prozession der angsteinflößenden Meute der Naga Babas, der mit nichts als einem Lendenschurz und dem fahlen Grau heiliger Asche bekleideten Saddhus wird um 9.00 Uhr beginnen. Die Tradition gebietet es, den Naga Saddhus den Vortritt bei den rituellen Waschungen an diesem Tag zu lassen. Die gewaltige Schaar von teils mit einem Dreizack bewaffneten Shiva Anhängern unter den Nagas nötigt dem Betrachter gewaltigen Respekt ab. Soviel, dass ihnen niemand ernsthaft dieses Vortrittsrecht streitig zu machen wagen würde. Die Prozession erreicht unter choralen Gesaengen den Hauptzeremonienplatz am Har-Ki-Pauri Ghat (Ghat=Treppe zum Fluss).

 

Tausende der Naga Babas warteten ungeduldig auf den Beginn der Prozession. Boese gucken gehoert zum Geschaeft. Alle mit denen wir naeher in Kontakt kamen, waren sehr umgaengliche Voegel.

 

Wie in Trance, scheint es, tauchen hunderte mit Armen gen Himmel gereckt, in die hier am Oberlauf noch reißenden Fluten der heiligen Mutter Ganges. Lautes Singen von „Bolo Ganga Mai ki jai (alle Ehre Mutter Ganga)“ erfüllte die Morgenluft. Sie kommen aus ihren Lagern in Decken gehüllt. So schnell wie sie ins Wasser gingen, kamen sie auch wieder heraus, wohlwissend, dass nur ein zügiges Bad allen pilgern erlaubt, die das begehrte Nass zu erreichen. Kontinuierlich mit den immer wiederkehrenden Sprechchören: „Bolo Ganga Mai ki jai“ tauchen sie unter. Nach den Shiva Babas kamen die Vaisnava Vairagis, die wandernden Bettler, die alles Vishnu dem Erhalter widmen. Diese Heiligen leben ein Leben des Dienens und der Hingabe. Ihnen folgen die unzähligen anderen Sekten der Asketen. In Safran farbige Tücher gekleidet, tragen sie ihre Stäbe des Verzichts. Badende, eingetaucht bis zur Taille, schöpften Wasser mit gefalteten Händen und bieten es dem Himmel in einer zeitlosen Geste.

Naga Sadhus beim Beginn ihrer Prozession

Die astrologischen Konfiguration an den Tagen der Snan ist besonders günstig. Es heißt, daß der Übergang von der Erde zum höheren Planeten zu dieser Zeit geöffnet ist, so dass die Seele auf einfache Weise den Weg der Erlösung finden kann.

Sadhu-Prozession mit ihren Anhaengern

Das der „Holy Dip“ im Ganges jetzt bei 42°C auch eine willkommene Erfrischung ist, daran denkt wohl nur ein Tourist. Die erste heilige Waschung der Haridwar Kumbh Mela, fand am 15. Januar bei Temperaturen um den Gefrierpunkt statt. Wir sahen durchaus Gruppen, der Spass am Planschen anzusehen war.

Baba Giri bei der Vorfuehrung der Staerke seines Limgam

d.h. Schlangenstoeckchen genommen, den besten Freund darum gewickelt, einmal verdrillt und nach hinten zwischen die Beine geklemmt. Dann einen seiner Anhaenger aufsteigen lassen. E war ausserdem stolz auf Fotos wo er einen Bus auf diese Weise abgeschleppt hat.

Jetzt weiss ich endlich, was Sadhu-Maso ist.

Sadhu in einem Zelt im Morgenlicht

 

Am Tag der Tage, dem 14.04. kamen nach offiziellen Angaben, z.B. Presseagentur afp, 10 Millionen Pilger nach Haridwar.

Allein die bloßen Zahlen des sich über 15 Wochen erstreckenden Ereignisses, machen die Kumbh Mela in ihrer Ausdehnung kaum fassbar. Über den Verlauf werden 80 Millionen Pilger vom indischen Subkontinent erwartet. In diesem Jahr hat die indische Regierung mehr als  8 Millionen Dollar für die Organisation Kumbh Mela bereitgestellt. Die Verbräuche einer solchen Menschenmasse sind gewaltig. 5000 Liter gereinigtes Trinkwasser pro Minute auf dem Festival-Gelände von 300 ha. 9 Ponton-Brücken, die den Ganges in Abständen überspannen, 20.000 Polizisten. Eine ganze Stadt entstanden an den Ufern des Flusses.

Bad der Massen am Ha Kri Pauri Gath

Die Verpflegung während des Festivals ist 100% vegetarisch. Es gab keine Spur von Fleisch, Fisch oder Eiern. Das ist Tabu unter allen Arten von Transcendentalisten in Indien.

Hotspots sind acht Hauptbadetage an denen mehrere Millionen sich zum Bad einfinden. Dies alles in einer provinziellen Kleinstadt, die außerhalb des Kumbh wenig Charm versprüht, wie ich 2004 bei einem Besuch schon feststellen konnte.

Inderinnen nach dem Bad und vor dem Absetzen von Opfergaben im Ganges

Der Tagtraum Kumbh Mela, endet so abrupt, wie er begonnen hatte. Mit einer Busfahrt in eine andere Welt. Bei der Rückkehr nach Delhi, die quirlige, gemeinhin als rastlosen Moloch empfundene Hauptschadt des Milliarden-Volkes der Inder, entwickle ich meine persönliche Relativitätstheorie. Die Definition von Menschenmenge, Größe und Stress ist relativ gemessen an den bisher selbsterfahrenen Maßstäben. Wer in Bilmerich aufwuchs, wird schon Dortmund als hektisch empfinden. Wer Kumbh Mela erlebt hat empfindet Delhi wie die Heimkehr auf`s Land.

2010  dauert die Kumbh Mela vom 15. Januar bis zum 28. April.

Scheinheiliger Deko-Sadhu legt mir die Hand auf (Bild: Peter Zinken)

Das grosse Treffen der Unneraner Kumbh Mela Fans fand fast unbemerkt am Rande statt und wurde in der oertlichen Presse mit keinem Wort bedacht. Schon seit langem wusste ich, dass meine Freunde Frank und Kathrin auch zu dieser Zeit in Indien unterwegs sein wuerden und dem Kumbh einen Besuch abstatten wollen. Ein Treffen war ins Auge gefasst. Nie haette ich aufgrund der oertlichen Gegebenheiten gedacht, dies tatsaechlich umsetzen zu koennen. Es hat funktioniert. Wir haben am 14.04. (Main Bathing Day) mit einander telefoniert und uns fuer den Nachmittag verabredet, ohne wirklich zu glauben, dass es beide Parteien zeitgerecht zum Treffpunkt schaffen. Wir alle haben es geschafft. Es stellte sich heraus, wir waren zum Zeitpunkt des Telefonats nur 300 m voneinander entfernt gewesen und dies bei dem gigantischen Areal.

Nachtrag…

Peter, Kathrin und Frank beim Daba Wallah an der Ecke. Vielleicht kennen die unneraner Leser ja den Frank aus der `Neuen Schmiede` in Unna ?

Nach einem gemeinsamen, Snack bei einem Inder, der wie fast alle mal in Frankfurt gearbeitet hatte, mussten wir uns schon wieder trennen, weil Frank und Kathrin mit ihrem Taxi zurueck ins 60 km entfernte Dhera Dun fahren wollten. Fuer sie war es ein Tagesausflug. Fuer Delhi haben wir uns wieder verabredet.

5:20 Uhr am Tempelberg

Am Morgen des 16.04.  bin ich vor Sonnenaufgang auf den Tempelberg des Manda Devi hinaufgestiegen und habe diese Szene eingefangen. Leider lassen sich die morgentliche Stimmung, die Weite des Areals und die Herden der schon um diese Zeit hinauf pilgernden Inder, nicht adaequat wiedergeben.

Mehrere Pilger kamen waerend des gemeinsamen Aufstiegs zum Tempel auf mich zu und bedankten sich dafuer, das ich dort war.“ Thank you, thank you, thank you Sir, I`m proud you visit my country“.  Das ist Indien und bedarf keiner weiteren Erklaerungen.


zu   solchem Optimismus fuehrt das staendige Kiffen bei einigen

 

Zugegeben, es war ein Experiment, das ich aber unbedingt machen musste. Nie haette ich damit gerechnet bei den heiligen Maennern mit dem Auftritt von Kermit fuer derartige Erheiterung sorgen zu koennen. Er hat auch schon eine offizielle Einladung zum Kumbh Mela 2013 in  Allahabad  bekommen und unter Vorbehalt zugesagt.

Monu Giri bei der aktiven Bewusstseinserweiterung, dem Konsum illegaler Tabaksorten am heiligen Gath der Juna Akara Naga Sadhus

 

Die Begegnung mit Monu Giri dem Baba Schueler des Baba Giri (Lingam Vorfuehrung), war fuer uns ein Gluecksfall und ein Freifahrtschein fuer alle verbotenen Zonen. Er lebt normalerweise mit seinem Baba in Varanasi, wo wir ihn mit etwas Glueck noch wiedersehen. Das energische Buerschchen hatte eine Art sich Respekt zu verschaffen, die sehr beeindruckend war. So bahnte eruns den Weg durch unzaehlige Polizeisperren, haute bei zoegerlichem Verhalten der Waechter mit seinem Schwert und boesem Blick auf die Absperrung und forderte sein Recht ein, seine Freunde (uns) mit hinzunehmen wohin er wollte. So kamen wir in Bereiche die fuer Auslaender normalerweise absolut tabu sind. Selbst mancher Inder kam da nicht immer durch. Am Ha Kri Pauri Gath gab es am 14.04.  nur handverlesene Permits fuer die auslaendische Presse.  Man haette schon von Deutschland aus ein Pressevisum ueber die Botschaft beantragen muessen, was fuer uns ja nie moeglich gewesen waere.

Sadhu Amar. Der „Ich halte seit 33 Jahren den rechten Arm hoch Sadhu“ mit Handy.

Wir haben ihm eine Manikuere nahegelegt, aber er wollte uns erstmal seine Fotosammlung zeigen.

Wir haben viele Sadhus kennengelernt, die seit 20 Jahren nichts essen, die seit 10 Jahren nicht mehr sprechen (trotzdem aber ans Telefon gehen und hineinhusten, woraus der geuebte Gespraechspartner dann ein ja oder nein deuten kann). Peter hatte schon als neue Geschaeftsidee in den Raum gestellt, wir koennten uns dafuer huldigen lassen, dass wir seit ueber 30 Jahren keine Kinder geschlagen haben.

 

 

 

 

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3 Antworten

  1. Claudinchen

    Hey Christian!
    Klasse Dein Bericht!!! Mehr davon!!!
    Weiterhin ganz viel Spaß mit dem Zinkens Peter und Kermit!
    Ich pass auf Melanie auf!!!
    Claudinchen

    20. April 2010 um 9:05 pm

  2. Froschn

    Nänänänänä… da muss man den ganzen Tag bei dieser Afffenhitze im „Kermit-Fach“ vom Rucksack ausharren, um dann ab und an für’s Foto hervorgezerrt und komischen Vögeln in die Hand gedrückt zu werden. Froschn hat’s nicht leicht.
    Aber ehrlich, die crazy Babas waren schon nett, bei der nächsten Kumbh mach ich wieder mit.

    Kermit

    18. April 2010 um 12:13 pm

  3. Lieber Christian,

    wie immer empfinde ich es ausgesprochen interessant Deinen Zeilen zu folgen und das Erlebte schwebt vor meinem Auge.
    Wünsche Dir noch viele bunte Motive und immer gutes Licht.

    Gruesse auch den Mitfahrer!

    Bis bald,
    Hakku

    17. April 2010 um 8:55 pm

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