I´ll take you on a trip

Varanasi die heilige Stadt

19.04. Coffee, Kaelte, Kakerlaken

Die Zugfahrt war irgendwie doch weniger entspannend als erwartet. Voellig durchgeschwitzt kamen wir endlich auf dem weit weg liegenden Bahnsteig an und mussten uns dort schon wie gewohnt  durch Massen von Menschen schlagen. Im Gegensatz zu den sonst allgegenwaertigen Chai (Tee) Haendlern, waren im Zug viele mit Coffee unterwegs, der aber fast  wie Chai schmeckte und die gleiche Farbe hat – Same, same; but different !  Die Aircondition im Abteil muss auf Minusgrade eingestellt gewesen sein und wir haben uns schockgefrostet gefuehlt. Prima fuer meine Erkaeltung. Beim Zurechtmachen des Nachtlagers liefen dann reihenweise Kakerlaken uebers Laken.

Reisende in der Holzklasse

Um dort nicht weiter drueber nachdenken zu muessen, haben wir versucht, uns die Birnen mit indischem Whiskey zu betaeuben. Hat mit mittelpraechtigem Erfolg funktioniert.

Funktioniert hat auf jeden Fall auch unser Pickup Service vom Ganpati Guest House in Varanasi. 7:00 Uhr angerufen, eine halbe Stunde nach Zugankunft um 9:00, stand jemand mit grossem Schild  ‚Christian‘, vor uns. Allein haetten wir das Haus nie gefunden. Das Labyrint der Altstadtgassen ist wirklich unglaublich. Nach vier mal abbiegen war ich orientierungslos, nassgeschwitzt und voellig fertig. Das Guest House ist der Hammer. Gemuetlich mit sehr viel Charme und fuer indische Verhaeltnisse beaengstigend sauber. Nie zuvor habe ich erlebt, das Personal anstatt den ganzen Tag mit stumpfer Mine herum zu haengen, unaufhoerlich Besen und Putzlappen schwingt. Freundlich sind sie auch noch. Zu allen Ueberfluss schmeckt auch noch das Essen.und heimlich wird verbotenes Bier auf der Dachterrasse mit Gangesblick ausgeschaenkt.  Irgendwas ist hier faul.

Blick vom Guest House auf die Gaths

Allabendlich findet am Desaswmeth Gath eine Zeremonie der Krishna-Juenger statt. Eine Veranstaltung mit viel Taeraeh und gruppendynamischem Gesang zum mitmachen. Tauglich als beschaulicher Tagesausklang wenn man auf, „Wir fassen uns an den Haenden und haben uns alle lieb, Events“ steht. Fuer alle anderen ist es aber auch ganz nett.

Opfergaben

Krishna Zeremonie

 

 

20.04.

Die uns schon 1000 mal gestellte Frage „You want boot Sir ?“, haben wir heute dann mal mit „ja“ beantwortet, weil wir uns zur frühen Morgenstunde 5:30 Uhr, entlang der Gahts rudern und das Treiben auf den Stufen beobachten wollen. Fast geraeuschlos gleiten wir dahin und koennen die Szenerie entspannt auf uns wirken lassen. Herrlich ! Wir gleiten vorbei an der endlosen Reihe von Ghats und bekommen das Gangesleben hautnah mit. Unglaublich wie viele Inder so frueh morgens schon auf den Beinen sind. Viele waschen ihre Waesche, baden ihre Bueffel oder sich selbst, putzen ihre Zaehne oder lassen zeremoniell kleine Blumenschaelchen mit Ölflamme schwimmen.

Morgentliches Bad in Mutter Ganga

Der Huldigende

Die Schoene

Blick Stromaufwaerts entlang der Gaths. Schatten ist Mangelware.

Wieder koennen wir die schon aus Haridwar bekannten Baderituale beobachten. Diesmal allerdings in fast gemuetlicher Atmosphaere zum genießen. Aprospos genießen… Manche trinken sogar von der Bruehe. Das Wasser des Ganges, wenn es ueberhaupt noch die Bezeichnung tragen darf, enthaelt pro 100 ml 1,5 Mio. Faekalbakterien. Damit Wasser zum baden geeignet ist soll dieser Wert bei hoechstens 500 (!!!) liegen. Damit sollte nach westlichen Maßstaeben eigentlich bewiesen sein, dass dieses Wasser ungenießbar ist. Die Realität  belehrt  uns da aber eines Besseren. So muss doch der Inder eine ganz besondere, unerklaerbar robuste Darmflora haben sein Eigen nennen. Mir scheint das eine Grundvoraussetzung für`s Ueberleben in diesem Land zu sein, wenn man nicht wie Touristen, auf abgefuelltes Trinkwasser und andere, hygienische Vorzüge zurückgreifen kann. Ebenso erstaunlich ist für mich, dass im Ganges gewaschene Kleidung, tatsaechlich sauber wird. Schon 30cm unter der Oberflaeche sieht man seine Hand nicht mehr.

Panorama vom suedlichen Ufer

Es ist ein Geschäft und geschäftig geht es auch zu an den aus unterschiedlichem Holz aufgeschichteten Haufen am Buring Gath.  Wer sich hier  von der seit  ueber 4000 Jahren brennenden, ewigen Flamme, den Scheiterhaufen entzuenden laesst, hat gutes Kharma  und die Chance zukuenftig auf alle Entbehrungen verzichten zu koennen. Verbrennungsplatz und Material werden standesgemäß und nach Geldbeutel gewählt oder zugewiesen. Von billigem Pappel- bis zum Edelholz, vom Uferschlamm bis zur gemauerten Empore, kann die Verwandschaft des Toten wählen. Der Leichnam kann in Leinen oder Seide gewickelt sein, mit Blumenketten oder ohne. Begleitet von prozessinartigem Gefolge oder unauffaellig einsam, annonym. Oberhalb der Gaths sind Hospitze, in denen sich so manche arme Witwe noch das Geld für ihren eigenen Scheiterhaufen zusammenbetteln muß.

Burning Gath

Um dem Tot zu begegnen, muss man gar nicht die Verbrennungsplätze besuchen. Regelmaessig treiben Kadaver von Rindern und Ziegen vorbei. Aufgedunsen weiss, gruenliches Fleisch auf dem teilweise Kraehen sitzen und sich ihren Anteil aus den Leibern herausreissen. Bei meinem letzten Besuch in Varanasi, habe ich zwischen Booten an einem Gath eine menschliche Wasserleiche entdeckt. Gerade als ich gewettet hätte, dass das nicht mehr zu ueberbieten ist, wurde ich nur wenige hundert Meter entfernt Zeuge, wie auf einer Art Muellhaufen die Leiche eines neugeborenen Baby`s von reudigen Strassenhunden zerfleischt wurde. Die erbaermlichen, fast nackten Koeter spielten noch mit dem abgetrennten Kopf. Aussetzen oder Tötung von Neugeborenen ist , wenn es Maedchen sind, keine Seltenheit, weil viele Eltern später durch die Mitgift fuer die Toechter in den Ruin getrieben werden.

Kadaver allerorten

Diese Stadt hat aber nicht nur dererlei zu bieten. Einen Besuch der Altstadtgassen beispielsweise. Einem Gewirr aus engen, verwinkelten Wegen, die einen innerhalb kuerzester Zeit die Orientierung verlieren lassen. Kaum eine ist breit genug fuer ein Auto. Mopeps fahren vereinzelt. Warenberge werden auf hoffnungslos ueberladenen Handkarren durch die Gegend gezerrt. das ist das Indien, das ich liebe.

Liebhaber seidigen Tuchs können in Varanasi auf ihre Kosten kommen. Die Webereien im Suedwesten der Stadt haben einen hervorragenden Ruf. Man kann Einblicke in die Arbeit mit dem edlem Rohstoff bekommen und sich erzählen lassen, dass die werkelnden Jungarbeiter nicht die gefuehlten 10 Jahre sondern 18 sind, es sich somit also keinesfalls um Kinderarbeit handelt. Bei Shiva, ich weigere mich dies zu gauben.

Hatte ich schon erwaehnt, dass wir im System der Fluggastbefoerderung eine Kaste aufgestiegen sind ? Nach dem Motto,“ Luxus ist keine Schande“ haben wir fuer die Weierreise nach Nepal, zwangslaeufig Business Class buchen muessen, weil sonst nichts mehr zu haben war.

Unser Aktivitaetsdrang hat sich auf ein Minimum beschraenkt. Mehr Gliedmassenbewegung als unbedingt erforderlich, findet jetzt nur noch in den Morgenstunden zwischen 5:30 und 7:30 Uhr statt. Die Temperatur gestern Mittag betrug 48 Grad. Die Klimaanlage arbeitet nur stundenweise und der Propeller ist lauter als sie, also nicht wirklich eine bessere Wahl. Nicht weitersagen… wir haben heute auf dem Zimmer gelegen und auf dem Netbook „Dirty Harry“ geguckt. Haette ich mir auch nicht traeumen lassen. Danach habe ich mich noch ueberwunden, Postkarten zu schreiben, was dann schon wieder eine Dusche erforderlich gemacht hat. Also freut man sich erneut auf die Doppelstunde am kommenden Morgen.

 

weiter auf der Seite Kathmandu

 

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5 Antworten

  1. Ina

    Hallo Christian,
    ich konnte erst jetzt die tollen Fotos und Eindrücke genießen. Deine ausdrucksstarken Personenaufnahmen sind wieder beeindruckend. Es hat mich so für Dich gefreut, dass Deine Schulter wieder verheilt ist und Du dieses spektakuläre Fest persönlich miterleben konntest. Weiterhin viel Spaß. Ina

    26. April 2010 um 10:16 am

  2. Andreas Meinhardt

    HI Christian,

    gegenüber den Temperaturen Deiner aktuellen Umgebung ist es hier ja geradezu arktisch. Etwas erschrocken bin ich über Deine offene Art, der ganzen Welt völlig freimütig mitzuteilen, dass Du morgens Dein Glied zwei Stunden lang bewegst.
    Sei es drum ich könnte es nicht, also beides – es tun und dann auch noch drüber schreiben. Meinen Respekt hat das.
    So, komm heile wieder und bring Dir mindestens einen Schal mit.
    Gruß der Meini

    23. April 2010 um 5:53 am

    • Hallo Herr M aus U.
      Mich beschleicht ein Gefühl der Befremdung, kann ich doch unschuldigen Gemüts, nicht die implizierte Doppeldeutigkeit gut heissen. Ich werde den Rest der Reise darüber nachdenken müssen und zu keinem Zeitpunkt mehr ungehemmt schreiben können. Das habt ihr nun davon…

      24. April 2010 um 5:39 pm

  3. Stefan Plaß

    Hi Christian,
    es macht wieder richtig Spaß deine autentischen Berichte zu lesen und die tollen Bilder anzusehen. Euch noch viel Spaß und weiter viele tolle Erlebnisse und Eindrücke.

    Stefan

    22. April 2010 um 6:58 pm

  4. Mama

    Hallo Christian,
    es fällt mir schwer zu glauben, dass Dich das Land oder der Kontinent unter den Gegebenheiten so anzieht. Wie verkraftest Du 48 °? Aber Deine Bilder sind wunderbar und Deine Berichte spannend und sehr anschaulich. Mach so weiter, bis bald,
    Deine Mama

    21. April 2010 um 7:30 pm

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